„Sehr vui Wind um nix“ in Kammer und Rettenbach
- 2. März
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Bruder Georg brilliert in der Fastenpredigt – Von der Bundeswehr bis zum Windrad
Kammer. Was die Münchner auf dem Nockherberg können, das beherrschen viele Landgemeinden erst recht – so auch in Kammer und Rettenbach. Im Saal des Gasthauses Jobst wurde nicht nur der diesjährige Fastenbock „Maximator“ der Augustiner-Bräu München ausgiebig verkostet, sondern Bruder Georg las den Menschen aus Dorf und Stadt mit spitzer Zunge und feinsinnigen Gedanken die Leviten. Organisiert wurde der Abend von den Faschingsfreunden Blau-Weiß Kammer und dem Trachtenverein Rettenbach.
Bevor Georg Jobst im Mönchsgewand als Bruder Georg unter den Klängen von „Bayern des san ma mir“ von Haindling die Bühne betreten konnte, hatten die beiden Vereinsvorstände der Blau-Weissen und des Trachtensvereins, Max Hiebl und Franz Maier, gemeinsam mit Oberbürgermeister Christian Hümmer sowie einem Vertreter der Brauerei die ehrenvolle Aufgabe, das Holzfass mit dem „Maximator“ anzuzapfen.
„Der hat mit seinen 7,5 Prozent mehr als so manche Partei“, betonte Bruder Georg später in seiner Fastenpredigt. Drei gezielte Schläge genügten dem Oberbürgermeister, bis der Hahn sicher im Fass saß – sehr zur Freude der Gäste in der ersten Reihe, die eine unfreiwillige Bierdusche abbekamen. Zuvor hatte sich Hümmer noch sichtlich nervös gezeigt: „Tatsächlich habe ich beim Anzapfen eines Fasses der Augustiner Brauerei Premiere“, gestand er wenige Minuten vor diesem „wichtigen Akt des Abends“.
Nachdem alle Gäste mit dem flüssigen Brot versorgt waren, folgte der angekündigte Höhepunkt des Abends – der am Ende den Vorschusslorbeeren gerecht werden sollte. Bruder Georg positionierte sich erhobenen Hauptes hinter seiner Kanzel, benötigte allerdings noch ein leeres Biertragerl, um hinter dem Pult überhaupt sichtbar zu sein. Da sich zum Starkbierfest von den OB-Kandidaten lediglich das amtierende Stadtoberhaupt eingefunden hatte, kommentierte Bruder Georg trocken: „Die anderen drei haben wohl jetzt schon aufgegeben.“
Tempo 30 zum Schutz der Soldaten
Im weiteren Verlauf brachte Bruder Georg seinen Unmut über die zunehmenden Tempo-30-Zonen zum Ausdruck. „Von Kammer bis Remboch – vielleicht noch von Remboch bis Traunstoa, weil da ja immer die Soldaten spazieren gehen“, frotzelte er und fragte in den Saal: „Wo soll denn des hinführen?“ Gleichzeitig stellte er fest, dass alle ihre Internetbestellungen möglichst schnell erhalten wollten, die Fahrer jedoch nur mit Tempo 30 ausliefern dürften. „Es soll ja unter euch auch Tempo-30-Freunde geben, die selbst schon geblitzt wurden und sich dann darüber aufgeregt haben.“
Emotional wurde es beim Thema Wirtshaussterben. Mit spürbarer Wehmut verabschiedete Bruder Georg das traditionsreiche Gasthaus Jobst, das nach über 80 Jahren im Familienbesitz seine Türen schließen wird. Es sei „mehr ois bloß a Wirtschaft – es war für vui a Stück dahoam.“ Hier sei gelacht, gestritten, gefeiert und getröstet worden. Ein Wirtshaus sterbe nicht einfach, so der Redner, es lebe weiter „in de G’schichtn, in den Freundschaften und im G’fühl, dort jederzeit willkommen gewesen zu sein.“
Auch beim Gasthaus zur Post Kammer liegt die Zukunft nicht ganz sorgenfrei in der Luft. Noch sei nichts entschieden, ob es mit dem Traditionsgasthaus weitergehe, aber die Frage schwebe „wia a ungezapfts Bier über dem Stammtisch“. Bruder Georgs Appell war deutlich: hingehen, essen, trinken – und nicht erst dann vermissen, wenn es zu spät ist.
„Da Osei war oana, dem d’ Leit und uns’re Hoamat ned wurscht warn“
Beim Nachruf auf den verstorbenen Georg Osenstätter hätte man im vollbesetzten Saal die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können. Er sei „oana, dem d’ Leit und uns’re Hoamat ned wurscht warn“, ein Politiker mit Rückgrat, der sein Engagement als Dienst an den Menschen verstanden habe – bodenständig und verlässlich. Sein Wirken in Politik, Feuerwehr und Vereinsleben werde bleiben, verbunden mit der Bitte: „Du magst bitte da oben ein wenig auf uns aufpassen und dafür sorgen, dass wir alles in deinem Sinne weiterführen.“
Politisch blieb der Abend dennoch. Mit feiner Ironie streifte Bruder Georg das große wie das kleine Parkett. Ministerpräsident Markus Söder wurde als Bierzeltprofi beschrieben, doch „mia do herinnen brauchen an Markus nimma – mir in Traunstoa ham ja unsern Christian Hümmer“. Das Stadtoberhaupt lobte er augenzwinkernd für seine vielfältigen Brotzeit-Wahlkampftermine: „Vom Frühstück übern Espresso mit einer Bratwurst in der Hand bis hin zum Glühweinstand war alles dabei.“ Auch die weiteren Kandidaten bekamen ihr Fett weg – jedoch nie ohne Augenzwinkern. Mit Blick auf Wladimir Putin und Donald Trump mahnte er: „Passt’s ma auf, wen’s ihr do wählts.“
Windkraft und Breitbandausbau als Dauerbrenner
Ein weiteres Kapitel widmete sich dem Breitbandausbau. Planung, Tiefbau, Technik – alles sauber in jahrzehntelanger Arbeit getaktet, die Inbetriebnahme „voraussichtlich März 2027 – Daumen drücken“. Vertragspartner sei die Telekom Deutschland GmbH. Bruder Georg kommentierte trocken: „Wenn jemand Erfahrung mit Geduld hat, dann wir alle gemeinsam. Der digitale Fortschritt rücke näher und damit auch Internet von Kaltenbach bis Langmoos – planerisch zumindest.“
Auch die geplanten Windräder in Kammer-Froschham drehten sich weiter – allerdings nur im Konjunktiv. Studien, Berechnungen und Diskussionen hätten für viel Bewegung gesorgt, am Ende jedoch ohne Rotorblätter. „Sehr vui Wind um nix in Kammer und Rettenbach“, fasste er zusammen. Lobende Worte fand er auch für den rasend schnellen Baufortschritt in Kaltenbach. Die „vorrübergehenden Behelfsampeln“ sollen jetzt Informationsbildschirme wie vor dem Landratsamt erhalten – „dann kommen euch die fünf Minuten Wartezeit zumindest gefühlt kürzer vor“, so Bruder Georg.
Feuerwehr braucht Hilfe von den Landwirten
Selbst die Feuerwehr blieb vor dem kritischen Blick des Bruders nicht verschont. Zwischen Löschteich und Vereinsprojekten zeigte er, dass Brandbekämpfung in Kammer mehr bedeutet als nur „Wasser marsch“. Der Rettenbacher Weiher sei zwar offiziell Löschteich, praktisch jedoch „dermaßen verschlammt, dass do nix mehr durch die Schläuche durchgeht“. Im Ernstfall müsse man womöglich die Bauern mit dem Güllefass alarmieren. Zudem solle die Feuerwehr die Hydranten künftig bitte dann öffnen, wenn niemand duscht: „Immer wieder stehn de Kammerer eingeseift unter der Dusche und haben kein Wasser mehr.“
Zwischen Fuchs-Geschichten aus dem Hackschnitzelhaufen, nächtlichem Schießbetrieb am Truppenübungsplatz und der mühsam errungenen neuen Festwiese für die Vereine zeichnete Bruder Georg das Bild einer lebendigen Dorfgemeinschaft, die zusammenhält und organisiert. Selbst die bayerische Definition von „seltene Feste“ wurde hinterfragt: „Des is ungefähr so eindeutig wie ‚I geh glei hoam‘.“
Ohrstöpsel wirksamer als eine Bürgerversammlung
Zum Treiben am Truppenübungsplatz frotzelte Bruder Georg: „Kammer schlaft schlecht, d’ Bundeswehr übt fleißig, da Bürgermeister hat Verständnis und da Bürger lernt das Ohrstöpsel manchmal wirksamer sind als eine Bürgerversammlung“. Natürlich wurde auch die Kirchengemeinde und der Pfarrer nicht verschont. Der Bau einer Kanonenstube am Pfarrheim sorgte insbesondere Alois Gartner und seine Helfer für Aufsehen und die „Wutrede“ Konrad Roiders zum geplanten Stellenabbau bei den Priestern blieb Bruder Georg ebenfalls nicht verborgen.
Auch die übrigen Ortsvereine bekamen ihre Bühne – liebevoll, spitz und mit großem Respekt vor dem Ehrenamt. Ob Trachtenverein mit Blick auf das 100-jährige Jubiläum, Faschingsfreunde mit langfristiger Planung des Faschingszuges, Arbeiter- und Burschenverein mit pragmatischer „Anhänger-statt-Vereinsheim-Lösung“ oder Krieger- und Soldatenkameradschaft mit leicht verspätetem Auftritt – Bruder Georg zeichnete das Bild eines Dorfes, das vom Mitmachen lebt. „Wenn ma z’sammhoitn, dann geht wos weiter.“ Unterm Strich wurde klar: Ohne die engagierten Vereine wäre Kammer nicht Kammer – „und ein Starkbierfest wie dieses würde es nicht geben“, stellte er fest.
Das elfte Gebot: „Du sollst nicht hoam zwirmen!“
Am Ende wurde es versöhnlich. Man solle sich nicht zu wichtig nehmen und ruhig öfter einen Blick in die Zehn Gebote werfen – „do is ois drin, was ma für a anständige Gesellschaft braucht.“ Sein persönliches elftes Gebot lautete augenzwinkernd: „Du sollst nicht hoam zwirmen!“ Mit „Möge der Gerstensaft mit euch sein“ klang eine ebenso kurzweilige wie kritische, insgesamt jedoch sehr friedvolle Fastenpredigt aus, die immer wieder von einem kräftigen „Prost“ unterbrochen wurde.
Für den passenden Klang sorgte die Chieminger Blasmusik mit einem sensationellen Programm. Die Aktiven Trachtler begeisterten mit mehreren schwungvollen Plattlern, bei denen es auf der Bühne ordentlich krachte und das Publikum spürbar mitging. Für zusätzliche akustische Höhepunkte sorgten die AlzTrauner Goaßlschnalzer mit ihren eindrucksvollen Einlagen.
Am Ende gab es durchwegs zufriedene Gesichter – wobei nicht eindeutig geklärt werden konnte, welchen Anteil der „Maximator“ daran hatte. Der langanhaltende Applaus zeigte jedenfalls, dass der Abend beim Publikum bestens ankam. Mehrfach wurde im Nachgang der Wunsch geäußert, das Intervall der Veranstaltung von sechs Jahren auf „vielleicht jährlich“ zu verkürzen.
Mit einem Augenzwinkern in Richtung der Theaterleiterin Irmi Gartner wurden sogar Forderungen nach einem Singspiel laut. Die beiden Hautorganisatoren Max Hiebl und Franz Maier zogen schließlich ein rundum positives Fazit: Es sei „ein lustiger, nachdenklicher und schöner Brauchtumsabend mit einer brillanten Fastenpredigt von Bruder Georg“ gewesen.
Text/Bild: Hubert Hobmaier






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